Führen mit Coachingkompetenz
Gute Führung entscheidet sich im Gespräch
Führungskräfte wissen heute eigentlich sehr genau, wie gute Führung aussehen sollte. Präsent sein, zuhören, Vertrauen schaffen, Verantwortung fördern. Das steht in Leitbildern, wird in Seminaren vermittelt und findet sich in nahezu jedem Führungsmodell.
Und trotzdem erleben viele Führungskräfte jeden Tag das Gegenteil.
Zwischen Meetings, E-Mails, Termindruck und den unzähligen „Kannst du mal kurz…?“-Momenten bleibt kaum Zeit für bewusste Führung. Entscheidungen landen immer wieder auf dem Schreibtisch der Führungskraft, Mitarbeitende warten auf Antworten, Konflikte werden vertagt und Veränderungsprozesse verlieren ihre Dynamik.
Ich denke nicht, dass das Problem fehlendes Wissen ist. Das Problem ist die Umsetzung.
Führung wird immer anspruchsvoller
Führung war wahrscheinlich noch nie einfach, aber selten so anspruchsvoll wie heute. Dafür gibt es gute Gründe.
Die Arbeitswelt wird immer komplexer. Surprise, surprise. Planbarkeit nimmt ab. Führungskräfte müssen Orientierung geben und Entscheidungen treffen, obwohl sie selbst oft nicht wissen können, wie die Situation morgen aussieht.
Gleichzeitig werden die Erwartungen der Menschen unterschiedlicher. Mitarbeitende wünschen sich mehr Eigenverantwortung und Beteiligung und wollen entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse geführt werden. Standardlösungen und einheitliche Führungskonzepte funktionieren deshalb immer seltener. Wenn sie überhaupt jemals funktioniert haben.
Hinzu kommt der wachsende operative Druck. Ressourcen werden knapper, Veränderungen zum Dauerzustand. Und damit fehlt ausgerechnet die Zeit für eine der wichtigsten Aufgaben von Führung: Menschen dabei zu unterstützen, sich weiterzuentwickeln, ihre Arbeit gut machen zu können und erfolgreich mit anderen zusammenzuarbeiten.
So entsteht ein Teufelskreis, der sich immer weiter selbst verstärkt.
Je größer der Zeitdruck wird, desto schneller ist die Führungskraft versucht, selbst zu entscheiden, Probleme selbst zu lösen und Antworten zu geben. Ist natürlich verständlich und kurzfristig oft sogar sehr effizient. Leider aber nicht nachhaltig.
Langfristig lernen Mitarbeitende dabei nämlich etwas, das eigentlich niemand beabsichtigt hat: „Mit Fragen und Problemen gehe ich zur Führungskraft.“ Und dann landen immer mehr Entscheidungen bei ihr. Der Zeitdruck steigt weiter. Und damit steigt wiederum die Versuchung, Dinge schnell selbst zu lösen.
Und schon dreht sich die nächste Runde. Dumm gelaufen.
Irgendwann wächst damit möglicherweise nicht nur die Abhängigkeit von der Führungskraft, sondern auch ihre eigene Belastung.
Woran gute Führung wirklich erkennbar ist
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir Führung an den falschen Dingen messen. Ich vermute nicht, dass es am Ende darum geht, wie viele Probleme eine Führungskraft selbst löst oder wie schnell und wie viele Antworten sie gibt. Und schon gar nicht darum, wie unentbehrlich sie für ihr Team geworden ist.
Gute Führung macht sich nicht unentbehrlich. Sie macht andere Menschen handlungsfähig.
Sie hilft Menschen, ihre Situation klarer zu verstehen, eigene Lösungen zu entwickeln, auf vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen zurückzugreifen, gute Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Und das nicht nur im Jahresgespräch. Am besten noch nicht einmal nur einmal im Monat oder einmal in der Woche. Sondern in etwas ganz Alltäglichem. In den Gesprächen, die jeden Tag stattfinden.
Das Gespräch ist das wichtigste Führungsinstrument
Kaum ein anderes Führungsinstrument wird so häufig genutzt und zugleich so wenig bewusst gestaltet. Und bei kaum einem anderen bleibt so viel Potenzial ungenutzt.
Dabei sind Gespräche genau der Ort, an dem ein Großteil von Führung stattfindet. Hier werden Aufgaben übertragen, Erwartungen geklärt, Feedback gegeben, Konflikte gelöst, Veränderungen begleitet und Entscheidungen vorbereitet.
Gespräche sind weit mehr als nur ein sachlicher Informationsaustausch zwischen Menschen. Sie sind der Ort, an dem Führung wirksam wird.
Ein gutes Gespräch schafft Klarheit, erweitert den Blick auf die Situation, macht den nächsten Schritt sichtbar und stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Wer die Qualität seiner Führung verbessern möchte, findet deshalb in seinen täglichen Gesprächen einen der unmittelbarsten Hebel überhaupt.
Verändert sich die Qualität der Gespräche, verändert sich auch die Qualität der Führung.
Was Führung vom Coaching lernen kann
Und was hat das jetzt bitte schön mit Coaching zu tun? Sollen Führungskräfte neben all ihren sonstigen Aufgaben jetzt auch noch Coach werden?
Ich sach ma so: Würde bestimmt nicht schaden, ist aber nicht nötig.
Coaching hat aber eine Kompetenz zu bieten, die Führung heute dringend braucht. Kaum ein anderer Ansatz hat sich so intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man Gespräche führt, die Menschen beim Denken unterstützen.
Professionelle und seriöse Coaches lösen keine Probleme für andere Menschen, aber sie helfen ihnen, ihre Situation besser zu verstehen, Möglichkeiten zu erkennen und eigene Lösungen zu entwickeln. Sie hören aufmerksam zu, stellen gute Fragen und bringen Menschen wieder in Kontakt mit ihren Kompetenzen und Stärken.
Und genau diese Gesprächskompetenz braucht Führung heute mehr denn je.
Dabei bleibt Führung Führung. Sie setzt Ziele, trifft Entscheidungen und übernimmt Verantwortung. Coachingkompetenz ergänzt Führung dort, wo Menschen selbst denken, Lösungen entwickeln und Verantwortung übernehmen sollen.
Oder vielleicht noch einfacher:
Die Führungskraft verantwortet den Rahmen. Die Mitarbeitenden entwickeln den Weg.
Haltung vor Technik
Mir ist dabei wichtig zu betonen: Coachingkompetenz ist für mich in erster Linie eine Haltung, die auf einem klaren Menschenbild beruht. Auf dem Vertrauen, dass Menschen über Fähigkeiten, Erfahrungen und Ressourcen verfügen und häufig sehr viel mehr selbst entwickeln und entscheiden können, als wir vielleicht denken.
Die konkreten, wohl dosierten Gesprächswerkzeuge sind Ausdruck dieser Haltung. Sie machen sie im Alltag sichtbar und anwendbar. Aber keine Fragetechnik der Welt ersetzt die entscheidende Frage dahinter: Was braucht mein Gegenüber gerade von mir? Raum zum eigenen Denken? Eine gute Frage? Oder eben doch eine klare Antwort, eine Entscheidung oder Orientierung?
Entscheidend ist, was der Mensch und die Situation gerade brauchen.
Was Coachingkompetenz im Führungsalltag bedeutet
Coachingkompetenz bedeutet für die Führungskraft keine zusätzliche Rolle. Sonst würde dieser Artikel wahrscheinlich „Die Führungskraft als Coach“ heißen.
Es geht um eine bestimmte Art, Gespräche zu führen. Darum, zuzuhören, um zu verstehen, bevor man bewertet. Fragen zu stellen, bevor man selbst die Antwort gibt. Vorhandene Stärken und Ressourcen sichtbar zu machen und Verantwortung nicht vorschnell zu übernehmen. Und darum, Gespräche so zu führen, dass Klarheit entsteht und am Ende deutlich wird, was der nächste Schritt ist.
Das klingt jetzt vielleicht sehr einfach, ist aber in der praktischen Umsetzung gar nicht so leicht. Mit der Zeit und etwas Übung kann es jedoch zu einem selbstverständlichen Teil des eigenen Führungsverhaltens werden. Und dann verändert es die Art, wie Führung im Alltag stattfindet.
Wenn aus Gesprächen Kultur wird
Die Wirkung bleibt nicht auf das einzelne Gespräch beschränkt. Denn wenn Führungskräfte beginnen, anders zuzuhören, anders zu fragen und Verantwortung bewusster dort zu lassen, wo sie hingehört, verändert sich mit der Zeit auch die Art, wie Menschen im Unternehmen miteinander arbeiten.
Es entsteht eine Führungskultur, in der nicht für jedes Problem sofort eine Antwort von oben erwartet wird. Menschen werden ermutigt, selbst zu denken, ihre Sicht einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Und wenn das zu einem gemeinsamen Verständnis von Führung wird, verändert sich irgendwann mehr als Führung.
Es verändert sich die Kultur der Zusammenarbeit im Unternehmen.
Und das dürfte am Ende nicht nur für zufriedenere Mitarbeitende sorgen, sondern auch für bessere Zusammenarbeit und wirtschaftlichen Erfolg.
Vielleicht ist es einfacher, als wir denken
Ich bin davon überzeugt, dass es nicht noch mehr Führungsmodelle, die nächste Methode oder die nächste große Idee braucht. Vielleicht lohnt es sich, genauer auf etwas zu schauen, das ohnehin jeden Tag passiert.
Auf die Gespräche zwischen Menschen.
Denn Führen mit Coachingkompetenz bedeutet am Ende keine zusätzliche Aufgabe. Es bedeutet, etwas, das Führungskräfte sowieso jeden Tag tun, bewusster und besser zu tun:
Miteinander reden.
Denn viele Lösungen entstehen erst im Gespräch.