Ich könnte mich irren

Ich habe manchmal das Gefühl, dass je älter wir werden, desto mehr glauben wir zu wissen wir. Zum Beispiel über Menschen, mit denen wir beruflich oder privat zu tun haben.

Wir meinen zu wissen, wie sie eigentlich sind und wie sie ticken. Was sie bewegt, warum sie so handeln, wie sie handeln. Oftmals meinen wir auch die Ursachen ihrer Probleme zu wissen und vor allem, wie sie zu lösen sind.

Wissen ist grundsätzlich gar nicht verkehrt, ich finde es sogar sehr wertvoll. Aber Wissen - oder besser gesagt “vermeintliches Wissen - hat auch Nachteile. Es kann uns sehr schnell die Neugier nehmen.

Denn wenn wir glauben zu wissen, hören wir oft nicht mehr genau hin. Wir beobachten weniger, fragen weniger nach. Staunen weniger. Warum auch? Wir wissen es doch schon.

Das Problem ist aber, dass wir dann oft nicht mehr den Menschen vor uns sehen, sondern nur noch unser Bild von ihm.

Ich befürchte, das geschieht viel häufiger, als uns lieb und bewusst ist.

Gute Gespräche fangen da an, wo wir bereit sind, dieses Bild wieder loszulassen. Oder zumindest es mal beiseite zu stellen. Weil Menschen viel mehr als das sind, was wir über sie zu wissen glauben.

Im Zen-Buddhismus gibt es dafür einen schönen Begriff: Shoshin, häufig als Beginner's Mind übersetzt.

Gemeint ist eine Haltung, die neugierig bleibt. Die staunen kann und Fragen stellt, obwohl sie schon viele Antworten kennt.

Vergleichbar mit dem Blick eines Kindes auf die Welt, der noch frisch und neu ist.

Ich mag diese Haltung. Nicht nur im Coaching, sondern überall dort, wo Menschen miteinander zusammenarbeiten und einander begegnen.

Ich mag es, nicht schon nach drei Minuten zu glauben, verstanden zu haben. (Und ich schätze es auch sehr, wenn Menschen das auch nicht in Bezug auf mich glauben.)

Und ich mag es nach wie vor - ich bin 56 Jahre - überrascht zu werden.

Denn jedes Mal, wenn ich glaube, einen Menschen bereits zu kennen, nehme ich ihm die Möglichkeit, mich zu überraschen. Und das wäre doch schade, oder?

Für mich besteht die eigentliche Kunst eines guten Gesprächs darin, einem Menschen immer wieder neu zu begegnen.

Und offen dafür zu sein, überrascht zu werden.

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Let the other person shine