Let the other person shine
In meinen Zwanzigern habe ich zusammen mit meinem besten Freund Kabarett gemacht.
Unsere Stücke hatten natürlich eine Struktur. Es gab einen klaren Anfang und ein klares Ende. Für den Notfall wussten wir immer, wie wir zurück in den Text finden würden.
Dazwischen aber nahmen wir uns eine Freiheit, die mir heute fast ein bisschen waghalsig erscheint. Wir improvisierten. Und je besser der Abend lief, desto mehr und desto wilder.
Heute stehe ich nicht mehr auf einer Kabarettbühne. Heute begleite ich Menschen, Teams und Führungskräfte. Und vor einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass gute Improvisation und gute Zusammenarbeit erstaunlich viel gemeinsam haben.
Beides gelingt nur, wenn Menschen aufhören, ausschließlich mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Im Improvisationstheater gibt es eine grundsätzliche Regel:
„Ja, und …“ statt „Ja, aber …“
Der Unterschied besteht nur aus einem einzigen Wort. Und doch verändert dieses eine Wort alles.
„Ja, aber …“ beendet einen Gedanken oft, bevor er sich entfalten kann.
„Ja, und …“ nimmt ihn auf und führt ihn weiter.
Plötzlich entsteht etwas, auf das keiner von beiden allein gekommen wäre.
Damit das gelingt, muss man wirklich zuhören, mit seiner Aufmerksamkeit ganz bei dem anderen Menschen sein. Und manchmal muss man bereit sein, die eigene Idee loszulassen, weil gerade eine bessere entsteht.
Es gibt noch eine zweite Regel, die ich besonders mag:
„Lass den anderen gut aussehen.“
Damals bedeutete das manchmal, einen Schritt zurückzutreten und meinem Freund die Pointe oder den Applaus zu überlassen. Und genauso hat er es für mich getan.
Das Erstaunliche war, dass wir große Freude daran hatten, den anderen gut aussehen zu lassen. Es fühlte sich auch nie nach Verlust an. Im Gegenteil. Je besser der andere wurde, desto besser wurden wir gemeinsam. Das war eine tolle und wichtige Erfahrung.
Ich frage mich gerade, warum diese Regel nicht auch außerhalb der Bühne selbstverständlich ist.
Als Coach und Teamcoach begleite ich viele Menschen in ihrer Zusammenarbeit. Oft dann, wenn sie schwierig geworden ist.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass jeder versucht, selbst möglichst gut dazustehen.
Das ist schade, es macht Zusammenarbeit unnötig schwer.
Denn gute Zusammenarbeit beginnt oft genau dann, wenn Menschen beginnen, den Erfolg des anderen nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als gemeinsamen Erfolg.
Vielleicht ist das einer der schönsten Gedanken, die ich aus meiner Zeit auf der Bühne mitgenommen habe.
Je besser wir den anderen aussehen lassen, desto besser werden wir gemeinsam.
Let the other person shine.