Pizza, Probleme und Lösungen
Stellen Sie sich bitte einmal folgende Situation vor. Es ist Sonntag Abend und Sie haben Hunger.
Sie öffnen Ihren Kühlschrank und stellen fest, dass er leer ist. Das ist ganz furchtbar, denn Sie haben großen Hunger. Sie ärgern sich kurz über sich selbst, vielleicht schimpfen Sie auch mit sich und denken: „Warum? Wie konnte mir das passieren? Was läuft in meinem Leben schief, dass immer mir das passiert?“
Zum Glück merken Sie aber sehr schnell, dass diese Fragen gerade nicht förderlich sind, und fangen an, sich Gedanken über Möglichkeiten und Lösungen zu machen.
Und dann kommt Ihnen dieser wunderbarere Gedanke: „Ich habe doch eigentlich schon seit Tagen Appetit auf eine leckere Pizza von meinem Lieblingsitaliener um die Ecke.“ Spontan entschließen Sie sich, eine Pizza essen zu gehen. Kann man ja mal machen.
Im Restaurant, Sie hatten Glück und haben den letzten freien Tisch bekommen, entsteht aus der Frage der Kellnerin, wie sie Ihnen behilflich sein kann, folgender Dialog:
„Ich habe ein Problem. Ich habe Hunger.“
„Aha, Sie haben also Hunger? Seit wann haben Sie denn Hunger?“
„Wie bitte? Ich wollte nur etwas lustig sein. Ich dachte, Sie fragen mich jetzt, was ich essen möchte.“
„Ich habe das Gefühl, Sie nehmen Ihr Problem nicht ernst genug! Wie schlimm ist denn Ihr Hunger?“
„Sehr schlimm. Ich habe sehr großen Hunger!“
„Aha, sehr großen Hunger also!“
(Kurzes Schweigen, sehr bedeutsamer Blick der Kellnerin, sie schreibt etwas in ihren Notizblock)
„Haben Sie das Problem häufiger?“
„Dass ich Hunger habe?“
„Ja! Kennen Sie das aus Ihrer Kindheit? War Hunger ein Thema in Ihrer Familie? Hat Ihre Oma vielleicht auch schon an großem Hunger gelitten?“
„Was hat das denn jetzt mit meiner Oma zu tun?“
„Wie war Ihr Verhältnis zu den weiblichen Bezugspersonen in ihrer Herkunftsfamilie?“
„Was???“
„Fällt es Ihnen schwer, den Überblick zu behalten und vorausschauend alltägliche Dinge wie den Einkauf zu erledigen?“
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte eigentlich nur eine Pizza essen.“
„Was könnte bewusst oder unbewusst der Nutzen Ihres Problems sein? Was ist der sekundäre Gewinn Ihres Hungers? Für welches unerfüllte Bedürfnis in Ihrem Leben steht wohl Ihr Hunger, hm?
„ICH WOLLTE DOCH NUR EINE PIZZA!!!“
„Ja, das mag ja sein! Aber zunächst müssen wir doch erst einmal Ihr Problem verstehen und durcharbeiten, bevor Ihnen geholfen werden kann. Ich spüre, dass Sie gerade sehr emotional sind. Ich denke, das reicht erst einmal für heute. Ich kann Ihnen in zwei Wochen den nächsten freien Tisch anbieten.“
Sie schauen die Kellnerin völlig entsetzt an, die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen. Und dann beginnt sie herzlich zu lachen und sagt: „War doch nur ein Spaß! Der Pizza ist es völlig egal, warum Sie Hunger haben. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Was für eine Pizza darf ich Ihnen bringen?“
Unter uns. Natürlich könnten Sie sich fragen, warum Ihr Kühlschrank vielleicht häufig leer ist, ob das Thema Hunger und Mangel über Generationen an Sie weitergegeben wurde oder ob vorausschauendes Denken vielleicht tatsächlich nicht zu Ihren größten Stärken gehört.
Bei all diesen Fragen und möglichen Antworten sollten Sie sich allerdings bewusst sein, dass sie Ihnen in diesem Moment überhaupt nicht weiterhelfen.
Wenn Sie Hunger haben und Ihr Kühlschrank leer ist, hilft Ihnen keine einzige dieser problemorientierten Fragen weiter.
Problemanalyse, Ursachenforschung oder der Blick in die Vergangenheit machen Sie kein bisschen weniger hungrig.
Wenn Sie Hunger haben, brauchen Sie etwas zu essen. Zum Beispiel eine Pizza. Oder ein Vollkornbrot mit Käse, Tomaten und Salat. Wäre wahrscheinlich auch die gesündere Variante.
In Unternehmen beobachte ich etwas Ähnliches.
Auch dort wird viel Zeit damit verbracht, Probleme zu beschreiben. Es wird analysiert, erklärt und diskutiert. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem die Vergangenheit erzählt ist.
Dann wird eine andere Frage interessant.
Wie kommen wir jetzt weiter?
Was können wir jetzt tun, damit es besser wird?
Ich glaube, dass genau dort gute Gespräche ihren Wert zeigen.
Menschen richten ihren Blick wieder nach vorne. Ihr Denken wird kreativer und assoiativer. Sie beginnen wieder, in Möglichkeiten zu denken.
Und manchmal entsteht aus einem einzigen Gespräch eine Lösung, die vorher niemand gesehen hat.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich Gespräche so mag.
Manche Gedanken kann man einfach nicht alleine denken.