Hoffnung leihen

Vor einigen Jahren saß mir im Coaching eine Frau gegenüber, die schwer krank gewesen war.

Sie hatte um ihr Leben gekämpft. Und danach darum, überhaupt wieder die Kraft zum Weiterleben zu finden. Doch damit war ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt.

Während ihrer Krankheit hatte ihr Mann sie verlassen. „Einfach für eine Jüngere ausgetauscht“, sagte sie. Es folgten Rechtsstreitigkeiten, die Scheidung und die Sorge, auch noch ihr Zuhause zu verlieren. Das Leben ist nicht immer fair.

Wir lernten uns in einer Zeit kennen, in der sie versuchte, wieder in ihren Beruf zurückzufinden. Es fiel ihr unendlich schwer, sich eine einigermaßen gute Zukunft vorzustellen. Bei allem, was sie erlebt hatte, mehr als nachvollziehbar.

Mitten im Gespräch stockte sie plötzlich, sah mich an und fragte:

„Glauben Sie, dass es überhaupt noch etwas gibt, worauf ich hoffen kann?“

Ihre Frage traf mich. Vor allem, weil in ihr so viel Hoffnungslosigkeit mitschwang.

Meine Antwort war nicht überlegt, eher intuitiv. Sie entstand, während ich sprach.

„Ja“, hörte ich mich sagen. „Absolut. Ich glaube an Möglichkeiten und Lösungen. Und ich lasse mich von nichts auf der Welt davon abbringen, dass es immer Hoffnung auf ein besseres Morgen gibt. Ich kann absolut verstehen, dass Sie im Moment daran zweifeln. Aber vielleicht müssen wir gar nicht beide Hoffnung haben. Vielleicht reicht es ja vorerst aus, wenn einer von uns beiden gerade hoffnungsvoll ist.“

Ich konnte ihre Vergangenheit nicht verändern.
Und ich konnte ihr ihre berechtigten Sorgen und Ängste nicht nehmen.
Aber ich konnte ihr für eine Weile meine Hoffnung leihen.

Seit diesem Gespräch weiß ich (persönlichen Empirie),
dass Hoffnung manchmal etwas ist, das wir einander leihen können.

So lange, bis der andere Mensch seine eigene wiedergefunden hat.

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